Die hl. Birgitta beschreibt im 54. Kapitel des ersten Buches ihrer Visionen den Glaubensverfall der Priester und der gesamten Kirche, und wie sie die Verfolgung ihrer Eigeninteressen an Stelle der göttlichen Gebote setzen. Das ist sehr richtig und lesenswert (auf Deutsch oder auf Latein ). Es entspricht auch der derzeitigen Lage der Kirche in Westeuropa.

Bass erstaunt bin ich allerdings darüber, dass, die so tun, tatsächlich meinen, damit den Intentionen Jesu besser zu folgen. Die großen Veränderungen in der Kirche wurden ja damit begründet, wieder zur Tradition Jesu zurückkehren und Irrwege und Fehlentwicklungen verlassen zu wollen. Viele ernsthafte Katholiken sind ja völlig überzeugt davon, das Richtige und Gott Gefällige getan zu haben und auch weiterhin zu tun, wenn sie Aufhebung des Zölibats, Frauenpriestertum, Möglichkeit zur Ehescheidung, Interkommunion, PGR usw. propagieren und gleichzeitig die regelmäßige Teilnahme an Rosenkranzgebeten, Andachten, ja selbst der Sonntagsmesse mehr und mehr schleifen lassen.

Das sind ja nicht alles Deppen. Wie kann es dann aber sein, dass sie ihr Handeln und ihre Selbstrechtfertigungen nicht als falsch und abscheulich erkennen? Hat wirklich der Teufel ihr Herz und Hirn so verhärtet? Oder liege nicht vielmehr ich falsch?

Ich bin häufig etwas naiv. So habe ich lange Zeit geglaubt, dass ein Priester, der sich entscheidet, z. B. Mitglied der Petrusbruderschaft zu werden, also einer Gemeinschaft, die besonders dem tridentinischen Ritus verpflichtet ist, diesen Ritus als besonders wichtig ansieht und auch Widerstände überwindet, um die Messe möglichst genau nach den Vorschriften der Kirche und möglichst genau dem Ritus entsprechend zu feiern.
Menschen, für die die Frage des Ritus der Messe nicht so zentral wichtig sind, brauchen diese Extraanstrengung ja nicht und können bei der normalen Novus-Ordo-Messe bleiben.

Ich habe also angenommen, wer die Nachteile auf sich nimmt, um im tridentinischen Ritus zelebrieren zu können, dem müssen Fragen der Liturgie und der richtigen Weise, sie zu zelebrieren, besonders wichtig sein. Priester, die heutzutage die alte Messe feiern, müssten also diese Messe besonders genau nach den kirchlichen Vorschriften feiern, genauer vielleicht als zu Zeiten vor dem Novus Ordo.

So weit meine naive Annahme. In Wahrheit aber verhält es sich ganz anders. Der Priester wechselt munter zwischen Sakralsprache und Deutsch, neben dem Ordinarium (natürlich wird immer nur die gleiche Messe gesungen, egal was für ein Fest) gibt es kein Proprium, sondern nur Lieder und Chorsätze, die tagesunspezifisch sind. Und es kommen noch weitere Kleinigkeiten dazu.

Ich habe mich lange gefragt, warum das so ist. Warum lässt der Priester das zu? In dem bestimmten Fall, den ich vor Augen habe, kommt dieser Wildwuchs zustande, weil die Laien vor sich hinwurschteln. Hier wäre doch Aufgabe des Priesters, wirklich die Leitung und Führung zu übernehmen. Die Liturgie ist doch eine Kernaufgabe, Kernkompetenz des Priesters.

Unabhängig von der Frage, warum gerade diejenigen Laien, die sich so laut für den alten Ritus einsetzen, ihn so vehement verfälschen, kann ich nicht verstehen, warum offensichtlich dem Priester selbst, dem Priester, der nur der Liturgie wegen einer speziellen Gemeinschaft angehört, die Liturgie so unwichtig ist, dass er bewusst von dem Ritus abweicht.

Wie ernst sind solche Priester zu nehmen? Warum soll ich mir die ganzen Verdächtigungen vonseiten der Novus-Ordo-Katholiken antun und in eine alte Messe gehen, die kaum noch eine alte Messe ist? Warum soll ich mir einen absichtlich entstellten alten Ritus antun statt einer den Vorschriften der Kirche gemäß gefeierten Novus-Ordo-Messe? Wie kann der Priester erwarten, dass Laien, denen die Frage des Ritus wichtig ist, solch eine alte Messe besuchen, wenn er selbst den Ritus nicht ernst nimmt?

Wir haben ein Recht darauf, dich zu erkennen.
Nickende Masken nützen uns nichts.
Wir wollen beim richtigen Namen dich nennen,
Darum zeig uns dein wahres Gesicht.

Das wird als Widerspruch verkauft: Auf der einen Seite sei Gott doch so barmherzig und vergebe alles, auf der anderen Seite stelle die Kirche so strenge und weltfremde Regeln auf, um die Menschen zu gängeln. Die Kirche gerate mit ihren strengen Forderungen geradezu in Gegensatz zur Liebe Gottes.

So ein Unsinn, da wird ein Scheinwiderspruch aufgebaut. Sehr deutlich ist mir dies aufgefallen an einer Stelle in den Revelationes der Hl. Birgitta von Schweden. Christus sagt dort zu Maria:

Ego … terribilis sum inimicis meis. Ipse quippe fugiunt a me quasi a conspectu serpentis, pavent a me et abominantur quasi serpentem, cum tamen ego sim sine veneno maliciæ, plenus omni misericorida. Ego patior me teneri ab eis, si voluerint, ego revertor ad eos, si me quæsierint. Curro ad eos quasi mater ad filium perditum et inventum, si me invocaverint. Exhibeo eis misericordiam meam et dimitto peccata eorum, si clamaverint. Hoc facio eis, et adhuc abominantur me quasi serpentem.

(Lib. I, cap. 54)

Christus erscheint dem fürchterlich und hassenswert, der sich ihm widersetzt. Aber wer ihn ruft, wer ihn sucht, wer sich ihm zuwenden will — dem eilt er entgegen. Es gibt ihn nicht, den künstliche Gegensatz zwischen mitleidloser Kirche und dem alles akzeptierendem Gott, weil es weder einen alles akzeptierenden Gott noch eine mitleidlose Kirche gibt. Die Kirche lehrt nur, was wahr ist, was Gott selbst von sich ausgesagt hat. Gott ist barmherzig und verzeihend, wenn der Mensch — das freie Wesen — sich ihm zuwendet und strebt, ihm nahe zu sein.  Wer sich aber von Gott abwendet, weiß im Inneren, dass er das Ziel, den Zweck seines Lebens aus den Augen verloren hat. Deshalb rumort sein Gewissen und er fürchtet sich, Gott wieder vor die Augen zu treten. Und verkündet wird dieser Gott von der Kirche. Deshalb der Hass auf die Kirche.

Statt dessen macht man sich lieber einen Götzen zurecht, der harmlos ist und keine Ansprüche stellt, das goldene Kalb, um das man beliebig tanzen kann. Und man meint diese Kalb, wenn man sagt, "Gott verzeiht alles."

Gott, der wahre und einzige Gott verzeiht tatsächlich alles. Aber nicht bedingungslos. Vorbedingung ist, dass man auch tatsächlich Verzeihung will, also anerkennt, falsch gehandelt zu haben, auf die schiefe Bahn geraten zu sein. Wer meint, immer recht gehandelt zu haben, braucht ja auch keine Verzeihung.