(Kurzfassung unten.)

In einem meiner Lieblingsbücher, Generation P. von Viktor Pelewin, lässt der Autor seinen Helden, den Werbetexter und künftigen Gemahl Ischtars Babilen Tatarski mittels einer Planchette eine Rede des toten Che Guevara aus dem Jenseits aufschreiben. Daraus eine kurze Passage:

Vom intradisziplinären Standpunkt aus stellt jeder Mensch eine Zelle in dem Organismus dar, den die Ökonomen des Altertums Mammon nannten. In den Lehrmitteln der Front der Vollständigen und Endgültigen Befreiung VEB (B) heißt er hingegen ORANUS (eine Kompilation aus Os und Anus, der gemeine Russe sagt Fressloch dazu), was seiner wahren Natur angemessener ist und weniger Raum für mystische Spekulationen lässt. Jede dieser Zellen, jeder auf seine ökonomischen Eigenschaften reduzierte Mensch also, verfügt über eine spezielle psychosoziale Membran, durch die das Geld (welches im Organismus des Oranus die Rolle des Blutes resp. der Lymphe spielt) in beide Richtungen diffundieren kann. Vom Standpunkt der Ökonomie ist es die Aufgabe jeder mammonitischen Zelle, durch diese Membran so viel wie möglich Geld herein- und so wenig wie möglich davon hinauszulassen.

Nun verlangt aber der existenziale Imperativ des Oranus als eines Ganzen, dass seine Zellstruktur von einem stetig anschwellenden Geldstrom durchspült wird. Daher hat der Oranus im Zuge seiner Evolution (in welcher er nicht weiter fortgeschritten ist als, sagen wir, ein Weichtier) eine Art primitives Nervensystem ausgebildet, das sogenannte Media. Dieses System verbreitet im virtuellen Organismus Nervenimpulse, die die Funktion der Zellmonaden steuern.

Drei Formen von Impulsen sind zu unterscheiden: 1. der orale, 2. der anale und 3. der verdrängende Wow!-Impuls (hergeleitet von der kommerziellen Interjektion wow!).

Der orale Wow!-Impuls regt die Zelle an Geld zu schlingen, um das Leiden am Konflikt zwischen dem Selbstbild einerseits und dem von der Werbung erzeugten Idealbild, dem Über-Ich, andererseits aus der Welt zu schaffen. Anzumerken ist, dass es nicht um die Waren geht, die man sich für Geld kaufen kann, um dieses ideale Ich zu verkörpern — es geht um das Geld an sich. Zwar laufen viele Millionäre in Lumpen herum und fahren billige Autos — doch um sich dies leisten zu können, muss man Millionär sein. Wer wenig hat, litte in dieser Situation unsäglich an kognitiver Dissonanz, weshalb viele arme Leute ihr letztes Geld am liebsten für gute und teure Kleidung ausgeben.

Der anale Wow!-Impuls regt die Zelle zur Ausscheidung von Geld an, was die lustvolle Verschmelzung der oben erwähnten Bilder bewirkt.

Da die beiden beschriebenen Vorgänge — die Aufnahme und die Ausscheidung von Geld — einander zuwiderlaufen, funktioniert der anale Wow!-Impuls verdeckt; der Mensch nimmt ernsthaft an, die Lust komme nicht vom Geldausgeben, sondern vom Erwerb dieses oder jenes Gegenstandes — wiewohl einleuchten müsste, dass einem zum Beispiel eine Uhr, die fünfzigtausend Dollar kostet, in ihrer physischen Beschaffenheit kaum mehr Lust verschaffen kann als eine für fünzig. Die Geldsumme ist das Entscheidende.

Oraler und analer Wow!-Impuls tragen ihre Bezeichnungen in Analogie zu gewissen Ring- und Schließmuskelfunktionen, wiewohl ein Vergleich mit dem Vorgang des Ein- und Ausatmens präziser wäre — die begleitenden Empfindungen lassen sich sehr gut als eine Art psychische Atemnot resp. Hyperventilation sehen. Ein Maximum an Intensität  erreicht
die oral-anale Erregung am Spieltisch im Casino oder im Spekulationsfieber an der Aktienbörse, doch ist das Spektrum wirksamer Wow!-Stimulatoren unendlich groß.

Der verdrängende Wow!-Impuls schließlich unterdrückt und entfernt aus dem Bewusstsein des Menschen alle diejenigen psychischen Abläufe, die der vollständigen Identifizierung mit einer Oranus-Zelle im Wege stehen. Er springt überall dort ein, wo der psychische Reizauslöser keine oral-analen Anteile aufweist. Der verdrängende Wow!-Impuls wirkt wie ein Störsender, der unerwünschte Radioprogramme mit kräftigem Rauschen überlagert. Auf den Punkt gebracht, ist seine Wirkung in Volksweisheiten wie »Money talks, bullshit walks« (wo das Geld spricht, fällt die Predigt aus) und »If you are so clever show me your money!« (wenn du so ein Schlaumeier bist, kannst du mir ja mal deinen Bankauszug zeigen). Ohne diesen Impuls wäre der Oranus gar nicht fähig, die Menschen als Zellen für sich zu rekrutieren. Unter seiner Einwirkung werden alle psychischen Mikroprozesse lahmgelegt, die nicht unmittelbar mit dem Geldverkehr zusammenhängen, so dass die Welt als vollkommene Hypotase des Oranus wahrgenommen werden kann. Dies führt zu erschreckenden Resultaten. Wie beschrieb doch ein Broker der Londoner Immobilienbörse seine vom verdrängenden Wow!-Impuls hervorgerufene Vision: »Die Welt — das ist der Ort, wo Business und Geld sich begegnen.«

Dass dieser psychische Zustand weit verbreitet ist, wird man ohne Übertreibung sagen dürfen. Soziologie, Wirtschafts- und Kulturwissenschaften tun heute im Grunde nichts anderes, als Somatik und Transferprozesse im Oranus zu beschreiben.

Der Oranus ist seiner Natur nach ein primitiver virtueller Organismus parasitären Charakters. Er unterscheidet sich von anderen Parasiten jedoch dadurch, dass er nicht irgendeinem einzelnen Wirtsorganismus anhängt, sondern eine Vielzahl fremder Organismen sich einverleibt und zu Zellen des eigenen Körpers macht. Jede dieser Zellen ist für sich genommen ein menschliches Wesen — mitsamt seinen unbegrenzten Möglichkeiten und seinem natürlichen Recht auf Freiheit. Das Paradoxe ist, dass der Oranus als organisches System auf einer weit niedrigeren Stufe der Evolution steht als jede der Zellen, aus denen er besteht. Er ist weder zu abstraktem Denken noch zur Selbstreflexion fähig. Das berühmte Auge im Dreieck, wie man es von den Ein-Dollar-Banknoten kennt, kann in Wirklichkeit nicht sehen. Es ist ein von einem Spaßvogel aus Odessa auf die Außenhaut der Pyramide gezeichnetes Cartoon, fertig. Um die latent schizoiden Konspirologen nicht zu verunsichern, hätte man es esser mit einer schwarzen Augenbinde verdecken sollen.

Im Folgenden wird der Oranus in Verbindung mit dem Typ-1-Subjekt und dem Typ-2-Subjekt des Homo Zappiens untersucht. Daraus nur noch ein Satz:

Der verdrängende Wow!-Faktor reduziert Kunst und Kultur im dunklen Zeitalter auf die oral-anale Thematik. Die Programmatik dieser Kunst lässt sich auf einen Punkt bringen: Lochfraß.

Derart vorgeprägt stieß ich heute auf die Seite Catholicism — Wow!, die entgegen erster Erwartung deutschsprachig ist.

Die Seite ist famos gemacht und ist ein Trojaner, der so tut, als würde er als Media den analen Wow!-Faktor der Oranuszellen stimulieren. Das Signalwort wow! taucht schon im Namen auf, und auch mein erster Gedanke, als ich die Seite sah, war wow! Tatsächlich kann man den analen Wow!-Faktor auf der Seite auch befriedigen, bietet sie doch in einem Shop T- und Sweatshirts und ähnliche Devotionalien bzw. Merchandisingprodukte an. Gleichzeitig wird dadurch aber auch der Oranusorganismus geschwächt und die Zellen zum Heraustreten aus diesem Zellverband angeregt, so dass der Oranus irgendwann an Auszehrung eingehen soll.

Kurzfassung:

Die Seite Catholicism — Wow! ist erste Sahne und jedem zur Hebung des Allgemeinbefindens zu empfehlen, egal ob Katholik oder  Linkskathole, ob Frischkonvertit oder Wohlstandsatheist.

Hingerissen und zu Tränen gerührt war ich vor allem von der Cartoonserie Stones:

Die Hauptperson ist Father Martel, ein bodenständiger Priester, der sich mit seinem liberalistischen Gegenpart Father Twerry herumärgern muß und es auch sonst nicht einfach hat.

Dieser Comic ist wirklich grandios! Aus meiner Sicht gibt es wirklich nichts vergleichbares: gut gezeichnet, sympathische Figuren (außer den Unsympathischen), grandiose, politisch unkorrekte und oft geistlich tiefe Gags.

Der Link auf die erste Folge:

Stones

Bin grad in Eile, deshalb nur kurz: Eben ist das Magazin des Instituts St. Philipp Neri angekommen. Knüller wie immer die Rubrik "Kieck ma, een Christlicher" (wieso die kiekn mit ‘ck’ schreim…). Ein Ausriss aus BILD mit Goesche in Soutane. Eine Straßenreporterin stellte Leuten die Frage: "Sind Sie schön?" und hat auch den Propst nicht ausgelassen. Seine Antwort (laut BILD): "In meinem Beruf braucht man ein gepflegtes Äußeres. Ich bin natürlich und das finde ich schön." *gg*

Als Benotung hat er übrigens eine Zwei bekommen. — Na, is dit nüscht? ;)

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