Man darf sich schon wundern, dass so viele Menschen unzufrieden sind. Sind nicht unzählige Anleitungen zum Glücklichsein geschrieben? Und für jede Art Clientel.

Ein solcher Leitfaden ist der Wuz von Jean Paul. Eine Ausgabe davon hat mir mal mein Lateinlehrer geschenkt. — Ein anderer ist die Reise um mein Zimmer von Xavier de Maistre, die ich gerade lese. Und es gibt viele weitere für jeden Typ Mensch.

Allen gemein ist, dass sie deutlich machen, dass Glück und Zufriedenheit individuell sind und nicht vom äußeren Wohlergehen abhängen. Wenn nun persönliches Glück und Zufriedenheit als so wichtige Ziele heutzutage immer eifrig vorangetragen werden, dann müsste doch auch klar sein, dass Gesellschaftsveränderung, Sozialpolitik, Politik überhaupt untaugliche Mittel sind, sie zu erreichen. Man sollte ihnen folglich weniger Aufmerksamkeit widmen.

Genau das scheint übrigens auch zu passieren — Stichworte Politikverdrossenheit und Rückzug ins Private.

Vielleicht sind aber auch die Worte Glück und Zufriedenheit irreführend. Vielleicht wäre es treffender, von In-sich-Ruhen und ausgeglichen zu reden. Dann fällt es auch leichter, den Bogen zu finden zu:

Unruhig ist mein Herz, bis es ruht in Dir.

Ich liege grad krank zu Bette — bei herrlichstem Sonnenschein draußen — und habe so etwas Zeit zum Lesen. Vor ein paar Tagen habe ich mich mit einem Agnostiker darüber unteerhalten, welche Vorteile für die Erkenntnis es hat, katholisch zu sein. Ich bin nun auf zwei kleine Fragmente von Augustinus gestoßen, die sich  ebenfalls mit diesem Thema beschäftigen.  Eines stammt aus seiner Schrift De fide, spe & charitate:

Wenn also die Frage erhoben wird, was man denn als zur Religion gehörig eigentlich glauben muß, so handelt es sich dabei nicht darum, die Natur einer Sache in der Art zu erforschen, wie es von denen geschieht, welche die Griechen Physiker1 nennen. Auch braucht man darob nicht in Furcht zu sein, wenn vielleicht ein Christ von der Kraft und der Zahl der Elemente nichts weiß oder von der Bewegung, der Ordnung und Verfinsterung der Gestirne oder von der Gestalt des Himmelsgewölbes oder von den Klassen und der Natur der Lebewesen, der Gewächse, der Steine, der Quellen, Flüsse und Gebirge oder von der Größe der örtlichen und zeitlichen Räume oder von den Anzeichen klimatischer Vorgänge oder von all den tausenderlei Dingen, die jene Gelehrten wirklich entdeckten oder wenigstens entdeckt zu haben glauben. [Über diesen Mangel braucht man nicht in Furcht zu sein] denn diese Weisen haben auch noch nicht alles herausgebracht und sind doch so ausgezeichnet an Geist, so unermüdlich im Forschungseifer, so überreich versehen mit der hiezu nötigen Zeit; und während sie das eine mit der Schärfe des menschlichen Verstandes zu erforschen und das andere durch geschichtliche Untersuchung festzustellen suchen, gehört selbst von den Kenntnissen, mit deren Erfindung sie sich rühmen, weit mehr ins Reich der bloßen Annahme als des wirklichen Wissens. Für den Christen ist es genug, wenn er den Grund alles Geschaffenen, sei es im Himmel oder auf der Erde, sei es Sichtbares oder Unsichtbares, in gläubiger Gesinnung nirgends anderswo sieht als in der Güte des Schöpfers, welcher der eine und wahre Gott ist, und wenn er glaubt, daß es keine Wesenheit gibt, die er [Gott] nicht entweder selbst ist oder die nicht von ihm stammt und daß er eine Dreiheit ist, nämlich der Vater, der vom Vater gezeugte Sohn und der Heilige Geist, der von dem nämlichen Vater hervorgeht, aber ein und derselbe Geist mit dem Vater und dem Sohn ist. Quelle

Der christliche Glaube und die katholische Lehre gibt eine Struktur vor, in die sich naturwissenschaftliche Erkenntnisse einpassen können. Man hat nicht ein Chaos von einzelnen Mosaiksteinchen, die sich beliebig kombinieren lassen und je nach Zusammensetzung ein völlig anderes Gesamtbild geben, sondern man hat die Struktur schon und kann den einzelnen Mosaiksteinchen ihren Platz besser zuweisen.

Darüber hinaus sind auch fehlerhafte oder gar nicht dazugehörige Mosaiksteine leichter zu erkennen und auszusondern.

Und so schön es auch ist, sich an den gefundenen Mosaiksteinchen und ihrem funkeln zu erfreuen — wirklich notwendig sind sie nicht, denn das Bild, das sie ergeben, steht ja schon fest.

Hans Conrad Zander: Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition. — Es spricht der Großinquisitor. Gütersloher Verlagshaus, 2007

Klappentext:

Hätte es den Großinquisitor nicht gegeben, es gäbe die ganze Christenheit nicht mehr. Er allein, der Großinquisitor und spätere Papst Pius V., hat verhindert, dass Rom, und damit ganz Europa, von den Muslimen erobert wurde. Ohne ihn würden Frauen wie Alice Schwarzer und Margot Käßmann heute mit Kopftuch oder gar in der Burka herumlaufen. Hat die Heilige Inquisition dafür nicht unseren tiefempfundenen Dank verdient?

Was immer es noch an schlimmen Vorurteilen gegen die Heilige Inquisition geben mag, Hans Conrad Zander, der Großmeister der religiösen Satire, überwindet sie mit Argumenten voll staunenswerter historischer Wahrheit.“

Wunderbarer Titel. Zander lässt in fünf Reden den Großinquisitor auftreten und nachweisen, dass die Heilige Inquisition

  1. jung und fortschrittlich,
  2. frauenfreundlich,
  3. effizient war,
  4. Recht hatte und
  5. heilig war.

So ein Buch muss natürlich her. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich davon gelesen hatte, im Zweifel bei kath.net .

Wunderbare Sprache. Den ganzen Text durchfließt eine augenzwinkernde Ironie, die einen beständig lächeln macht und einem das Herz öffnet: Diesem Redner stimmt man gern zu. — Fast immer.

Das beginnt schon im Inhaltsverzeichnis. Der Titels der fünften Rede lautet: „Die Heilige Inquisition war heilig.“ — Ja, natürlich, was denn sonst? *big-grin*

Aber es wird ja noch schöner: Hinter dem Wort „heilig“ steht nämlich ein (R), und unten auf der Seite wird erklärt: „Registered orthography of the Holy Inquisition. Offenders will be prosecuted.“ — Das ist Zanderscher Schalk, und er lugt immer wieder zwischen den Zeilen hervor und schafft sofort eine augenzwinkernde Gemeinschaft: Wir wissen ja, dass das nicht Ernst gemeint ist — und deshalb ist es eben doch Ernst gemeint.

Bemerkenswert ist die Einführung des Großinquisitors durch Zander. Der Großinquisitor führt eindringlich die Schilderungen des Großinquisitors in der Literatur an, um dann den Kontrapunkt zu setzen:

Wo immer der Großinquisitor in dichterischer Phantasie auftritt, ist er neunzig. Genau neunzig Jahre ist er alt und ein blutleer erstarrter, lebensfeindlicher Greis.

Das ist der Grund, warum mir soviel daran liegt, persönlich vor euch zu erscheinen. Nicht vor euere Phantasie, sondern vor euren Augen. Schaut her! Mit eigenen Augen schaut her! Seht ihr, wie jung ich bin?

Ich bin die Jugend und der Fortschritt in Person. So jung bin ich, wie es die ganze Heilige Inquisition von Anfang an war.

Und mit dieser Verve führt der Großinquisitor jede seiner Reden. Unglaublich beredt ist dieser Großinquisitor, belesen ist er und bibelfest. Dort, wo es sich gehört, dämpft er den Ton, dort, wo es sich anbietet, poltert er laut los, aber immer ist er dieses: lebendig und handfest, ehrlich und klar.

Bisweilen beschriebt Zander auch die Zuhörer:

Der Großinquisitor flüstert. Alle spitzen die Ohren. Nur ein paar Handys klingeln noch.

– Erstmals gebe ich jetzt das Bankgeheimnis der Heiligen Inquisition preis.

Mäuschen-Stille im Saal. Sogar die Handys horchen stumm.

– Ich spreche von der Truhe mit den drei Schlössern!

Ja, selbst als Leser horcht man stumm gemeinsam mit den Handys, um nur ja keines der geflüsterten Worte des Großinquisitors zu verpassen.

Dieses wunderbare Bekehrungsbuch für Katholiken klingt aus:

In der langen Geschichte der Heiligen Inquisition ist ein Moment der Theophanie: Erscheinung Gottes. Im heiligen Großinquisitor Michele Ghislieri ist uns der Gott der Schlachten erschienen. Ein ganz unsympathischer Gott ist das, der ‘Herr der Heere’. Und doch ist er dreimal heilig:

‘Sanctus, Sanctus, Sanctus Dominus, Deus Sabaoth!’

Der Großinquisitor zieht sich schweigend zurück.

Großes Kino!