S(ch)ottisen

2009-04-17

Der Schott Das Mitlesen im Schott während der Messe ist sicherlich nützlich, wenn man genau wissen will, über welches lateinische Wort der Priester gerade wieder geholpert und gestolpert ist. Einen anderen Sinn kann ich darin aber nicht entdecken.

Gehe ich in die Messe, dann gehe ich, um Teilnehmer der Liturgie zu sein. Lesen kann ich auch zu Hause. Ich verfolge die Liturgie mit den Sinnen, nicht mit dem Zeigefinger auf dem Papier.

Besonders deutlich ist mir die Gefahr, die vom Mitlesen im Schott ausgeht, heute vorgeführt worden: Wenn ich im Schott mitlese, kriege ich von dem wirklichen Geschehen kaum noch etwas mit; ich bin wie ausgeklinkt aus der Liturgie. Oder wie soll ich erklären, dass ein Messbesucher heute morgen nicht einmal zur Elevation seinen Blick von der Druckerschwärze losreißen konnte?

Sich zu Hause die Texte der Messe im Schott durchzulesen, mag ja ganz sinnvoll sein. Und eine Möglichkeit, den grundsätzlichen Aufbau der Messe noch mal nachzulesen, mag für manchen ja wirklich eine Hilfe sein. Aber kommt es in der Messe, in der Liturgie selber denn darauf an, dass ich jedes Wort verstehe und genau weiß, was der Priester in jedem Moment sagt und tut, was er noch sagen wird und was er schon gesagt hat?

Nein. Ich bin Teilnehmer an der Liturgie und akzeptiere sie so, wie sie kommt und wie sie ist und wie die heilige Kirche sie angeordnet hat. Liturgie ist keine Bildungsveranstaltung. Die Texte der Messe dienen nicht zur Unterweisung der Gläubigen, sondern zum Lobe Gottes. Der Priester spricht zu Gott, für und mit uns. Er spricht nicht zu uns von Gott.

Für das Sprechen zu uns von Gott ist z. B. die Predigt da. Deren Text soll allerdings verständlich sein, aber doch nicht zwangsläufig der Rest der Liturgie. Das ist gar nicht ihr Sinn und ihre Aufgabe. Mit dem Schott in der Hand kann ich die laufende Messe wie unter dem Mikroskop betrachten und zergliedern, analysieren und sezieren. Dabei geht sie tot.

Sonntagsangst

2008-11-05

Also, mein Pfarrer, der mich und weitere seiner Gemeindemitglieder schon mal gerne öffentlich verleugnet („Alte Messe? Das will hier keiner!“), gestaltet seine Mahlfeiern ja auf so amateurhaftem Kindergartenniveau, dass ich sie mittlerweile fliehe. Dabei habe ich es anfangs wirklich ehrlich versucht. Aber ich bekomme jedesmal Herzbeklemmung, wenn ich ihn vorne rumfuchteln sehe, je näher es an die Wandlung geht. Das stehe ich nicht regelmäßig durch. Deshalb habe ich mich also bei den anderen Sonntagsmessen in meiner Stadt umgesehen. Dabei ist mir Folgendes aufgefallen:

Drei Mal ist es bisher passiert, dass ich eine Gemeinde gefunden hatte, in der die Messe Pauls VI. in erträglicher Form gefeiert wurde (natürlich mit Ministrantinnen und gewendetem Priester und so weiter, aber das ist ja eh klar). Zwei Mal waren das aber Aushilfspriester, die jeweils nach ganz wenigen Wochen wieder weg waren, und einmal stand der Priester eh kurz vorm Ruhestand und ist zudem noch vorher ins Krankenhaus gekommen. Der Nachfolger des Letzteren predigte übrigens nicht mal selbst, als ich in einer Messe von ihm war, sondern schickte dafür einen schon etwas angegrauten Soziologiestudenten vor. — Muss’n Soziologiestudent gewesen sein, so wie der geredet hat.

Es gibt hier doch immerhin noch eine ganze Menge katholischer Priester. Warum ist denn nicht einer von denen Willens und in der Lage, einen stinknormalen Novus-Ordo-Gottesdienst zu feiern, ohne Spirenzchen und Kleinkindgesabbel? Und warum sind die, die dazu denn doch noch in der Lage sind, immer nur aushilfsweise aus Polen oder Lateinamerika gekommen und werden mir ständig gleich wieder weggenommen?

Ich bin häufig etwas naiv. So habe ich lange Zeit geglaubt, dass ein Priester, der sich entscheidet, z. B. Mitglied der Petrusbruderschaft zu werden, also einer Gemeinschaft, die besonders dem tridentinischen Ritus verpflichtet ist, diesen Ritus als besonders wichtig ansieht und auch Widerstände überwindet, um die Messe möglichst genau nach den Vorschriften der Kirche und möglichst genau dem Ritus entsprechend zu feiern.
Menschen, für die die Frage des Ritus der Messe nicht so zentral wichtig sind, brauchen diese Extraanstrengung ja nicht und können bei der normalen Novus-Ordo-Messe bleiben.

Ich habe also angenommen, wer die Nachteile auf sich nimmt, um im tridentinischen Ritus zelebrieren zu können, dem müssen Fragen der Liturgie und der richtigen Weise, sie zu zelebrieren, besonders wichtig sein. Priester, die heutzutage die alte Messe feiern, müssten also diese Messe besonders genau nach den kirchlichen Vorschriften feiern, genauer vielleicht als zu Zeiten vor dem Novus Ordo.

So weit meine naive Annahme. In Wahrheit aber verhält es sich ganz anders. Der Priester wechselt munter zwischen Sakralsprache und Deutsch, neben dem Ordinarium (natürlich wird immer nur die gleiche Messe gesungen, egal was für ein Fest) gibt es kein Proprium, sondern nur Lieder und Chorsätze, die tagesunspezifisch sind. Und es kommen noch weitere Kleinigkeiten dazu.

Ich habe mich lange gefragt, warum das so ist. Warum lässt der Priester das zu? In dem bestimmten Fall, den ich vor Augen habe, kommt dieser Wildwuchs zustande, weil die Laien vor sich hinwurschteln. Hier wäre doch Aufgabe des Priesters, wirklich die Leitung und Führung zu übernehmen. Die Liturgie ist doch eine Kernaufgabe, Kernkompetenz des Priesters.

Unabhängig von der Frage, warum gerade diejenigen Laien, die sich so laut für den alten Ritus einsetzen, ihn so vehement verfälschen, kann ich nicht verstehen, warum offensichtlich dem Priester selbst, dem Priester, der nur der Liturgie wegen einer speziellen Gemeinschaft angehört, die Liturgie so unwichtig ist, dass er bewusst von dem Ritus abweicht.

Wie ernst sind solche Priester zu nehmen? Warum soll ich mir die ganzen Verdächtigungen vonseiten der Novus-Ordo-Katholiken antun und in eine alte Messe gehen, die kaum noch eine alte Messe ist? Warum soll ich mir einen absichtlich entstellten alten Ritus antun statt einer den Vorschriften der Kirche gemäß gefeierten Novus-Ordo-Messe? Wie kann der Priester erwarten, dass Laien, denen die Frage des Ritus wichtig ist, solch eine alte Messe besuchen, wenn er selbst den Ritus nicht ernst nimmt?

Wir haben ein Recht darauf, dich zu erkennen.
Nickende Masken nützen uns nichts.
Wir wollen beim richtigen Namen dich nennen,
Darum zeig uns dein wahres Gesicht.

Der Hl. Antonius von Padua bei Wilhelm BuschGestern früh war ich vor der Arbeit wieder mal in ner Werktagsmesse. Eine der Messbesucherinnen hat mich zwar nicht zurückgegrüßt und sich demonstrativ weggesetzt, aber wahrscheinlich ist sie sauer, weil ich dort nicht mehr Orgel spiele. Na ja, immerhin keine falsche Freundlichkeit. ;)

Die Messe selbst war ein Labsal. Es gab in ihr nichts Besonderes. Aber das ist ja das Besondere, das geradezu Unerhörte. Eine Messe, so wie die Kirche sie vorstellt. Und komplett in der Sakralsprache. Nirgendwo wurde das Gottslob durch ein Herausfallen in die Alltagssprache unterbrochen. Nirgendwo wurde krampfhaft etwas auf Deutsch vorgetragen und damit die Hinwendung zu Gott demonstrativ unterbrochen.

Das ist eine Grundlage, das ist ein Fundament. Ich hoffe, dass es soetwas jetzt häufiger gibt. Wenn das weiterwachsen könnte, wie glücklich wäre ich.

Respice in me

2008-06-02

Vielerorts in Deutschland finden jetzt wieder katholische Messen im alten Ritus statt. Ein Argument, das häufig für die alte Messe angeführt wird, ist, dass darin liturgische Missstände weniger Platz greifen könnten, als in der neuen Messe.

Aber ist das tatsächlich so? Befürworter der alten Messe regen sich über weibliche Ministranten auf, akzeptieren aber weibliche Scholasängerinnen ohne Probleme. Befürworter der alten Messe finden Latein in der Messe viel „schöner“, bestehen aber auf deutschen Gotteslobliedern in der alten Messe. Befürworter der alten Messe halten sich zumeist für besonders fromm, sie sind aber nicht in der Lage, sich fünf Minuten lang auf die Messe vorzubereiten, und fordern eine doppelte Verlesung von Lesung und Evangelium, neben Latein auch in Deutsch.

In all dem offenbart sich, dass das falsche Verständnis der Messe auch in altrituellen Kreisen längst Wurzeln geschlagen hat. Auch Altrituelle wissen nicht (mehr), dass die Messe Lobpreis Gottes ist, der Moment irdischen Lebens, in dem wir uns mit dem Lob der Engel vereinigen. Statt dessen wird die Messe zur ichbezogenen Veranstaltung umgedeutet und umgebaut. So als sei die Lesung des Evangeliums nicht Lobpreis Gottes sondern zur Unterrichtung der Gemeinde da. Warum sonst sollte sie auf Deutsch erfolgen müssen?

Das ist ein verdrehtes — perverses — Verständnis der Messe. Es muss Aufgabe der Priester sein, dieses Verständnis wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen, statt allen Forderungen dieser verdrehten Laien nachzukommen.